Gesundheitskompetenz: Die Menschen in Österreich kennen sich in Gesundheitsfragen zu wenig aus. Wie können wir das ändern?

Symbol für den Gesundheitsziele-Bereich: Gesundheitskompetenz der Bevölkerung stärken

Der European Health Literacy Survey hat gezeigt: Im Vergleich mit anderen europäischen Ländern gehen die Menschen in Österreich häufiger zur Ärztin oder zum Arzt und kennen sich dabei zu wenig aus.[1] Selbstverständlich gibt es da einen Zusammenhang! Je geringer die eigene Gesundheitskompetenz ist, desto mehr ist man auf Hilfe angewiesen.

„Gesundheitskompetenz“ kann vieles bedeuten. Es kann heißen, dass jemand genau weiß, in welches Spital er mit seinen Beschwerden muss. Oder, dass man sich im Verrechnungssystem der Kassen gut auskennt, im Supermarkt gesunde Kaufentscheidungen trifft und sich für Gesundheitsrechte einsetzt.

Nicht an den  PatientInnen abputzen!

Dabei wird das Thema „Gesundheitskompetenz“ gerne auf die Einzelnen abgeschoben. Frei nach dem Motto „Sollen sie sich halt besser informieren!“ Aber das ist nur ein Stein im Mosaik. Denn schwer zugängliche Informationen mühsam zusammentragen – das gelingt vor allem denen, die sich ohnehin schon gut auskennen. Es ist daher genau so wichtig, die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass sich die Patientin oder der Patient gut informieren und dann kompetent entscheiden kann. Und genau das möchten wir mit dem Gesundheitsziel „Gesundheitskompetenz der Bevölkerung stärken“ erreichen.

Eine Ärztin und eine Patientin führen im Zuge der Behandlung ein Gespräch.

Ein Beispiel: Stellen Sie sich vor, Sie wachen mit Schmerzen auf

Sie wachen in der Nacht mit starken Schmerzen auf und suchen eine Spitalsambulanz auf. Die Erstversorgung ist gut, aber die Information, die Sie bei dieser Gelegenheit bekommen, kommt nicht bei Ihnen an. Sie sind verschlafen und haben Schmerzen, sodass Sie sich nicht konzentrieren können – wahrscheinlich verlassen Sie die Ambulanz und haben gar nicht verstanden, was Ihnen gesagt wurde und wie es jetzt weitergeht. Das kann sich schlecht auf Ihre Gesundheit auswirken.

Und jetzt stellen Sie sich folgende Variante vor: Bereits im Wartebereich werden Sie gebeten, sich zu überlegen, welche Fragen Sie der Ärztin oder dem Arzt stellen wollen. Sie machen sich klar, was Sie am meisten beschäftigt, zum Beispiel: Was hab ich eigentlich genau? Und wie wirkt sich das jetzt auf mich aus? Was erwartet mich in den nächsten Tagen und Wochen, welche Untersuchungen und Behandlungen brauche ich, und was kann ich selber tun, damit es wieder besser wird?“ Dann gehen Sie in die Ambulanz, und die Ärztin oder der Arzt hört Ihnen zunächst nur zu. Sie können Ihre Symptome in Ihren eigenen Worten schildern. Erst dann fragt sie nach. Es entsteht ein gutes Gespräch. Sie fühlen sich verstanden – Ihre Fragen werden beantwortet, und Sie können sich gut merken, was Ihnen die Ärztin oder der Arzt sagt. Und plötzlich sieht das Ergebnis anders aus: Sie verlassen das Krankenhaus mit einer klaren Vorstellung, was jetzt für Sie das Beste ist.

Genau dorthin wollen wir. Und um dieses Ziel zu erreichen, setzen wir bei der Organisationskultur an. Oft hören wir von MedizinerInnen: „Wir sind zeitlich am Limit, wir können nicht mehr tun.“ Wir wollen vermitteln, dass es nicht um ein „Mehr“, sondern um ein „Anders“ geht. Schließlich haben Studien bewiesen, dass gute Gesprächsqualität sogar Zeit spart!

An allen relevanten Ecken ansetzen

Die Patientenkommunikation ist aber nur einer von vielen Punkten, den wir verändern möchten. Gesundheitskompetenz geht weit darüber hinaus. Und so knüpfen wir zum Beispiel Partnerschaften mit

  • Schulen für eine bessere Gesundheitsbildung der Kinder,
  • der Wirtschaft für gute Gesundheitskompetenz in Freizeit- und Konsumwelten und
  • Sozialversicherungsträgern für Maßnahmen, die sowohl Schulungen von Patientinnen und Patienten als auch die Gestaltung eines gut verständlichen Gesundheitswesens umfassen.

Fazit: Die Menschen in Österreich kennen sich in Sachen Gesundheit zu wenig aus, weil es ihnen im Moment auch vielerorts schwer gemacht wird: Und das müssen wir verändern.

Österreichische Plattform Gesundheitskompetenz

Ende 2014 wurde die Gründung der Österreichischen Plattform Gesundheitskompetenz (ÖPGK) von der Bundesgesundheitskommission beschlossen. Um Doppelstrukturen zu vermeiden, übernahm die ÖPGK ab 2015 auch die Agenden der Arbeitsgruppe zum Gesundheitsziel „Gesundheitskompetenz der Bevölkerung stärken„. Seither koordiniert, unterstützt und entwickelt die ÖPGK die Umsetzung der drei Wirkungsziele zur Gesundheitskompetenz.

[1] Laut European Health Literacy Survey 2011 bezeichnen nur zehn Prozent der befragten ÖsterreicherInnen die eigene Gesundheitskompetenz als „ausgezeichnet“. Damit stehen wir in Europa an vorletzter, bei den unter 25-Jährigen sogar an letzter Stelle. Dafür hat Österreich den höchsten Prozentsatz an PatientInnen, die im Befragungszeitraum drei oder mehr ÄrztInnen aufgesucht haben.

Zur Person

Mag.a Dr.in Christina Dietscher

ist stv. Abteilungsleiterin der Abteilung III/6 (Gesundheitsförderung und Prävention) im Bundesministerium für Gesundheit und Frauen und Vorsitzende der Österreichischen Plattform Gesundheitskompetenz. Die Gesundheitskompetenz der Menschen in Österreich ist ihr ein großes Anliegen. Mit der Erforschung dieses Themas beschäftigt sie sich bereits seit vielen Jahren.




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