Chancengerechtigkeit und gesellschaftlicher Wandel – Was wir von den Gesundheitszielen Österreich lernen können.

– Blogpost von Anna Fox –

Alles wartet auf den Beginn der Veranstaltung. / © Alexandra Thompson Photography

Festakt „5 Jahre Gesundheitsziele Österreich

Am 10. Mai 2017 wurde in der Österreichischen Nationalbibliothek über die fünf Jahre Bilanz gezogen, die seit Entstehung der Gesundheitsziele Österreich vergangen sind. VertreterInnen aus Politik, Wissenschaft und Gesellschaft diskutierten darüber, was die wichtigsten aktuellen Herausforderungen für Gesundheit und Wohlbefinden in Österreich und Europa sind. Es wurde analysiert, was wir von den Gesundheitszielen Österreich und dem HiAP-Ansatz lernen können, um diese Herausforderungen zu bewältigen. Der Public Health-Experte Nick Fahy von der Universität Oxford identifizierte zwei zentrale gesellschaftliche Herausforderungen der Gegenwart: Chancengerechtigkeit und gesellschaftlicher Wandel. Aber was heißt das eigentlich?

Einflussfaktor Chancengerechtigkeit

„Unsere Gesundheitssysteme sind Ausdruck der kollektiven Solidarität unserer Gemeinschaft. Die Kommission für die Sozialen Determinanten von Gesundheit unter der Führung von Sir Michael Marmot hat dargelegt, dass Menschen mit einer schwachen sozio-ökonomischen Situation innerhalb ihres Landes allgemein schlechtere Gesundheit aufweisen und früher sterben“, so Nick Fahy.

Die Daten der letzten Österreichischen Gesundheitsbefragung (ATHIS 2014) bestätigen dies auch für Österreich. Beispielsweise ist die Wahrscheinlichkeit, dass Frauen und Männer in der höchsten Einkommensstufe ihren Gesundheitszustand als sehr gut oder gut einstufen, 3,2-mal bzw. 3,1-mal höher als für Personen in der niedrigsten Einkommensstufe. Sozialminister Alois Stöger brachte es im Rahmen des Festaktes auf den Punkt: „Eine ungerechte Gesellschaft ist ungesund!“

Darum macht es besonders viel Sinn, bei der Chancengerechtigkeit anzusetzen, wenn man die Gesundheit der Menschen verbessern möchte. Das machte auch Gesundheits- und Frauenministerin Pamela Rendi-Wagner deutlich: „Es geht darum, dass wir faire und gerechte Gesundheitschancen für alle in Österreich ermöglichen, unabhängig von Bildung, Einkommen, Herkunft, Arbeitsplatz und Geschlecht. Das nützt nicht nur dem einzelnen Menschen, das nützt der gesamten Gesellschaft.“

Einflussfaktor gesellschaftlicher Wandel

Der gesellschaftliche Wandel hat Veränderungen unserer Lebens- und Arbeitsweise mit sich gebracht, mit denen viele Menschen nur schwer zurechtkommen. Denn durch die Globalisierung sind alte Sicherheiten ins Wanken geraten: Arbeitsplätze werden in Billiglohnländer verlagert, Menschen aus anderen Ländern kommen zu uns und bringen unterschiedliche Wertevorstellungen und Lebensweisen mit, u.v.m. Wenn man zu diesen neuen Anforderungen auch noch den Schock der letzten Finanzkrise hinzunimmt, so ist es nicht verwunderlich, dass sich viele Menschen überfordert fühlen. Zu viel Wandel in zu kurzer Zeit schwächt den Gemeinschaftssinn und die Solidarität. Eine Folge davon ist der Anstieg von Populismus und Ressentiments in der europäischen Gesellschaft. Das Brexit-Votum ist  ein Ergebnis davon.

Die Chancen und Gefahren des gesellschaftlichen Wandels sind ungleichmäßig verteilt. Menschen mit höherer Bildung und höherem Einkommen haben viel bessere Chancen, sich in einer globalisierten Welt erfolgreich zurechtzufinden. Somit steigen auch ihre Chancen auf Glück und Gesundheit. Deshalb ist es wichtig, einen Fokus auf das Wohlbefinden benachteiligter Personen und Gruppen zu legen. Außerdem ist es zentral für einen effektiven sozialen Schutz zu sorgen. Um den sozialen Zusammenhalt und die Lebensqualität der Bevölkerung zu sichern, braucht es einen gemeinschaftlichen Ansatz. Der breit abgestimmte Prozess der Gesundheitsziele Österreich ist ein Beispiel dafür, wie das funktionieren kann.

Team-Arbeit ist gefragt – Health in All Policies

Zahlreiche Faktoren, die über den Einflussbereich des Gesundheitssektors hinausreichen, sind mitbestimmend für Gesundheit und Wohlbefinden. Zu den wichtigsten gehören die Bildung, das Einkommen und die Arbeitsbedingungen. Aber auch Freizeitmöglichkeiten, die Umwelt und das Gemeinschaftsleben sind essenziell. Um Gesundheit und Chancengerechtigkeit zu erreichen, müssen daher alle Politik- und Gesellschaftsbereiche gemeinsam und abgestimmt handeln. Alexander Biach, Vorstandsvorsitzender im Hauptverband der Österreichischen Sozialversicherungsträger, verglich das mit einem Fußballteam: Um ein Spiel gewinnen zu können, brauchen die Mitglieder ein gemeinsames Ziel. Alle Spieler haben eine wesentliche Rolle und müssen gut zusammenwirken. So funktioniert auch Health in All Policies (HiAP): Es geht darum, über institutionelle Grenzen hinweg gemeinsam die Gesundheit der Menschen zu verbessern.

Bei den Gesundheitszielen Österreich wird HiAP erfolgreich praktiziert. Hier arbeiteten Vertreterinnen und Vertreter ganz unterschiedlicher Bereiche im gemeinsamen Interesse zusammen. „Gesundheit wird nicht nur von unterschiedlichen Sektoren beeinflusst, Gesundheit hat auch einen unbezahlbaren Wert und Nutzen für die unterschiedlichen Politik- und Gesellschaftsbereiche“, so Bundesministerin Pamela Rendi-Wagner.

Die DiskutantInnen des Panels (Biach, Stöger, Rendi-Wagner, Karmasin, Stein)mit Keynote Speaker Fahy / © Alexandra Thompson Photography

„Ohne Ziele geht gar nix!“

Um über die Grenzen unterschiedlicher Politik- und Gesellschaftsbereiche hinweg handeln zu können, braucht es Ziele und eine gemeinsame Strategie. „Ohne Ziele zu arbeiten ist, wie blind mit dem Auto zu fahren”, meint auch Claudia Stein vom WHO-Regionalbüro für Europa. Sophie Karmasin, Bundesministerin für Familie und Jugend, fand ebenso treffende Worte: „Gesundheitsziele sind deshalb so wichtig, weil Zielsetzungen immer Aktionen nach sich ziehen und somit auch Veränderungen und Verbesserungen.“

Nur wenn man sich Ziele setzt, kann man überprüfen, ob man diese auch erreicht oder ob es notwendig ist, die Strategie zu ändern. Der Fortschritt und die Wirksamkeit der Gesundheitsziele Österreich werden durch ein umfassendes Monitoring überprüft. Das ermöglicht, an Schwachstellen nachzubessern und sicherzustellen, dass wir unser vorrangiges gemeinsames Ziel – mehr Gesundheit für alle – auch tatsächlich erreichen.

Zur Person

Anna Fox unterstützt seit Jänner 2017 die Koordination der Gesundheitsziele Österreich im Bundesministerium für Gesundheit und Frauen. Sie hat Internationale Entwicklung studiert und beschäftigt sich mit den gesellschaftlichen Voraussetzungen für Gesundheit und Wohlbefinden.